Eine Hauptfigur entwickelst du so, dass sie die Geschichte trägt: Sie will etwas, trifft die Entscheidungen, die die Handlung voranbringen, und hat am meisten zu verlieren. Nebenfiguren gestaltest du von ihrer Aufgabe her. Jede wichtige Nebenfigur sollte der Hauptfigur helfen, sie behindern, sie spiegeln oder ihr etwas zeigen, das sie allein nicht sehen würde. Damit sie nicht wie Werkzeuge wirken, brauchen auch sie ein eigenes kleines Ziel.
Auf dieser Seite geht es um die Gewichtung: Was eine Hauptfigur von den übrigen Figuren unterscheidet, welche Aufgaben Nebenfiguren übernehmen, wie viel Ausarbeitung jede Rolle braucht und wie das an einem Beispiel aussieht. Wie du eine einzelne Figur von Grund auf entwickelst, beschreibt Romanfiguren entwickeln.
Was eine Hauptfigur ausmacht
Die Hauptfigur, auch Protagonistin oder Protagonist genannt, ist nicht einfach die Figur, die am häufigsten vorkommt. Sie ist die Figur, an deren Weg sich die Geschichte entlang bewegt. Woran du sie erkennst:
- Sie handelt. Die wichtigen Wendungen entstehen aus ihren Entscheidungen, nicht nur aus dem, was ihr zustößt.
- Sie hat am meisten zu verlieren. Wenn der zentrale Konflikt scheitert, trifft es sie am härtesten.
- Sie verändert sich oder wird geprüft. Ihr innerer Weg ist mit der äußeren Handlung verbunden. Mehr dazu unter Charakterentwicklung im Roman.
- Sie ist der Maßstab. Leserinnen und Leser messen die anderen Figuren daran, wie sie zur Hauptfigur stehen.
Die Hauptfigur ist oft, aber nicht immer die Perspektivfigur, also die Figur, durch deren Augen erzählt wird. Ein Erzähler kann auch neben der Hauptfigur stehen und von ihr berichten. Welche Möglichkeiten es hier gibt, beschreibt die Seite Erzählperspektiven im Roman. Romane mit mehreren Hauptfiguren funktionieren ähnlich: Jede braucht einen eigenen Strang mit eigenem Ziel, und die Stränge müssen sich berühren.
Welche Aufgaben Nebenfiguren übernehmen
Nebenfiguren sind nicht einfach weniger wichtige Figuren. Sie erfüllen Aufgaben, die die Hauptfigur allein nicht erfüllen kann. Die folgenden Rollen begegnen dir in vielen Geschichten, oft auch in Kombination:
| Rolle | Aufgabe in der Geschichte |
|---|---|
| Vertraute oder Vertrauter | Gibt der Hauptfigur Halt und jemanden, mit dem sie sprechen kann. Macht Gedanken und Gefühle in Dialogen sichtbar. |
| Mentorin oder Mentor | Hat Wissen oder Erfahrung, die der Hauptfigur fehlt. Öffnet Türen, oft im wörtlichen Sinn. |
| Verbündete oder Verbündeter | Verfolgt ein ähnliches Ziel aus eigenen Gründen. Bringt Fähigkeiten ein, die der Hauptfigur fehlen. |
| Gegenspieler und Handlanger | Erzeugen Widerstand. Mehr dazu unter Glaubwürdige Antagonisten erschaffen. |
| Spiegel- oder Kontrastfigur | Steht vor einer ähnlichen Frage wie die Hauptfigur und beantwortet sie anders. |
| Auslöser | Bringt mit einer einzigen Handlung etwas ins Rollen, oft ohne die Folgen zu überblicken. |
| Hintergrundfigur | Macht einen Ort lebendig: Wirtin, Torwache, Händler. Braucht selten mehr als einen prägnanten Zug. |
Die Begriffe sind Werkzeuge zur Planung, keine festen Kategorien. Eine Figur kann als Verfolger beginnen und als Verbündeter enden. Entscheidend ist, dass du bei jeder Figur weißt, wofür die Geschichte sie braucht.
Haupt- und Nebenfiguren gestalten in fünf Schritten
- Bestimme die Hauptfigur über den Konflikt. Frage: Wessen Entscheidung entscheidet die Geschichte? Wenn eine Nebenfigur aktiver ist als die Hauptfigur, lohnt es sich zu prüfen, ob du die richtige Figur ins Zentrum gestellt hast.
- Gib der Hauptfigur eine Lücke, die andere füllen. Was kann oder weiß sie nicht? Aus dieser Lücke ergeben sich die wichtigsten Nebenfiguren fast von selbst: jemand, der lesen kann, was sie nicht lesen kann, jemand, der sich erinnert, wenn sie vergisst.
- Gib jeder wichtigen Nebenfigur ein eigenes Ziel. Es muss nicht groß sein. Aber eine Figur, die nur da ist, um der Hauptfigur zu helfen, wirkt wie ein Werkzeug.
- Staffle die Ausarbeitung. Die Hauptfigur und der Gegenspieler brauchen die meiste Arbeit. Wichtige Nebenfiguren brauchen Ziel, Motivation und eine Beziehung zur Hauptfigur. Kleine Rollen kommen mit einem Satz und einer Eigenheit aus. Ein Figurensteckbrief kann entsprechend lang oder kurz sein.
- Prüfe, ob jede Figur gebraucht wird. Zwei Nebenfiguren mit derselben Aufgabe lassen sich oft zu einer zusammenlegen. Das macht beide stärker.
Ein Beispiel: ein kleines Ensemble mit klaren Aufgaben
Für dieses Beispiel dient ein erfundener Spannungsroman: Die Fährfrau Rika hält zusätzliche Versorgungsfahrten für ihre Insel aufrecht. Ihr Jugendfreund Hauke finanziert eine Bootsreparatur vor und lässt sie dafür ohne ihr Wissen Drogen transportieren. Als sie das entdeckt und aussteigen will, bedroht er sie. Die Figuren haben unterschiedliche Aufgaben in diesem Konflikt:
- Rika, Hauptfigur: Sie nimmt Haukes Angebot an, entdeckt die Drogen, verweigert weitere Transporte und entwickelt aus Angst vor ihm die Falle. Ihre Entscheidungen verändern den Verlauf.
- Hauke, wichtiger Gegenspieler: Sein Ziel ist der weitere Transport. Seine Aggression nach der Entdeckung macht aus Rikas Geldproblem eine persönliche Bedrohung.
- Eine Inselhändlerin, mögliche Nebenfigur: Sie will verlässliche Lieferungen. Eine Nachfrage kann Rikas Geldnot sichtbar machen; die Händlerin braucht dafür keine eigene Ermittlungsreise.
- Eine Person bei der Kontrolle, kleine Rolle: Sie handelt aufgrund des anonymen Tipps. Eine private Geschichte mit Rika ist dafür nicht erforderlich.
Die Gewichtung folgt den Entscheidungen. Rika braucht Raum für Angst, Abwägen und Gegenwehr. Haukes Verhalten muss den Wechsel vom Freund zum Erpresser nachvollziehbar machen. Die ergänzenden Rollen erfüllen konkrete Aufgaben, ohne einen fertigen Nebenroman vorauszusetzen.
Typische Fehler
- Die passive Hauptfigur. Andere treffen die wichtigen Entscheidungen, die Hauptfigur wird mitgezogen. Gib ihr Entscheidungen, deren Folgen sie tragen muss.
- Die Nebenfigur stiehlt die Geschichte. Eine Nebenfigur ist so viel interessanter als die Hauptfigur, dass man lieber ihr folgen würde. Entweder wird die Hauptfigur geschärft oder die Rollen werden getauscht.
- Helfer ohne eigenes Leben. Die beste Freundin hat keine eigenen Sorgen und ist immer verfügbar. Ein eigenes Ziel, das mit dem der Hauptfigur auch einmal kollidiert, macht sie glaubwürdiger.
- Zu viele Figuren mit derselben Aufgabe. Drei Mentoren, zwei beste Freunde, vier Handlanger ohne Unterschied. Leserinnen und Leser verwechseln sie, und keiner bekommt genug Raum.
- Kleine Rollen zu groß angelegt. Eine Wirtin mit ausführlicher Vorgeschichte, die nur einmal ein Zimmer vermietet, lenkt ab. Ein prägnanter Zug genügt.
Praxistipps
- Schreibe neben jede Figur in einem Satz, wofür die Geschichte sie braucht. Fällt dir kein Satz ein, ist die Figur ein Kandidat zum Streichen oder Zusammenlegen.
- Lass Nebenfiguren der Hauptfigur widersprechen. Ein Verbündeter, der immer zustimmt, erzeugt keinen Funken.
- Gib kleinen Rollen eine sprechende Eigenheit statt einer Beschreibung: eine Redeweise, eine Geste, einen Gegenstand.
- Prüfe nach dem Entwurf, wann jede wichtige Nebenfigur zuletzt aufgetreten ist. Lange Pausen fallen beim Schreiben selten auf, beim Lesen schon.
- Wie die Figuren als Gefüge zusammenwirken, beschreibt Figurenkonstellationen verstehen.
Mit Faustica umsetzen
Im Kompendium von Faustica gibst du jeder Figur eine Rolle, etwa „Protagonist:in“, „Vertraute:r“, „Mentor:in“, „Nebenfigur“, „Antagonist:in“ oder „Liebesinteresse“, und kannst eigene Rollen wie „Historische Figur“ anlegen. Nach Rollen und Schlagwörtern lässt sich filtern. Jeder Eintrag bekommt so viele eigene Abschnitte, wie die Figur braucht: viele für die Hauptfigur, einen oder keinen für den Dorfältesten.

Im Plot-Planer ordnest du jeder Szene die beteiligten Figuren und eine Perspektive zu. Über „Figur hervorheben“ siehst du, in welchen Szenen eine Figur auftaucht, und Hinweise machen auf Figuren aufmerksam, die lange nicht vorkommen.
Häufige Fragen
Kann ein Roman mehrere Hauptfiguren haben?
Ja. Viele Romane erzählen abwechselnd aus der Sicht mehrerer Figuren oder folgen einer Gruppe. Dann braucht jede Hauptfigur ein eigenes Ziel und einen eigenen Strang, und die Stränge sollten sich an wichtigen Punkten kreuzen, damit ein gemeinsamer Roman entsteht.
Wie viele Nebenfiguren sind zu viele?
Eine feste Zahl gibt es nicht. Zu viele sind es, wenn Leserinnen und Leser Figuren verwechseln oder wenn zwei Figuren dieselbe Aufgabe erfüllen. Bei Romanen mit großem Ensemble hilft es, neue Figuren nach und nach einzuführen und jeder ein einprägsames Merkmal zu geben.
Muss die Hauptfigur sympathisch sein?
Nein, aber sie sollte interessant sein. Leserinnen und Leser folgen auch schwierigen Figuren, wenn sie verstehen, was diese antreibt, oder wenn sie wissen wollen, wohin deren Entscheidungen führen. Nachvollziehbarkeit ist wichtiger als Sympathie.
Was ist der Unterschied zwischen Hauptfigur und Perspektivfigur?
Die Hauptfigur ist die Figur, um deren Weg es geht. Die Perspektivfigur ist die Figur, durch deren Wahrnehmung erzählt wird. Oft ist es dieselbe, aber eine Geschichte kann auch aus der Sicht einer Nebenfigur erzählt werden, die die Hauptfigur beobachtet.