Die Schneeflockenmethode

Die Schneeflockenmethode macht aus einem Satz Schritt für Schritt einen Szenenplan. Hier erfährst du, wie die zehn Schritte nach Randy Ingermanson funktionieren, und siehst die ersten Schritte an einem durchgehenden Beispiel.

Christian Böhm8 Min. Lesezeit

Die Schneeflockenmethode ist eine Planungsmethode für Romane, die der amerikanische Autor Randy Ingermanson entwickelt hat. Du beginnst mit einem einzigen Satz, der die ganze Geschichte zusammenfasst, und erweiterst ihn in zehn Schritten: zu einem Absatz, zu einer Seite, zu Figurenbeschreibungen, zu einer längeren Zusammenfassung und schließlich zu einer Szenenliste. Handlung und Figuren wachsen dabei abwechselnd, sodass jede Stufe die vorige prüft.

Die Methode eignet sich besonders, wenn du gern vom Groben ins Feine planst und eine klare Abfolge suchst. Auf dieser Seite findest du alle zehn Schritte, ein Beispiel für die ersten Schritte, typische Fehler und Hinweise, wie du die Methode an deine Arbeitsweise anpasst.

Woher der Name kommt

Ingermanson, der neben Romanen auch Ratgeber zum Schreiben veröffentlicht, hat die Methode zuerst in einem frei zugänglichen Artikel auf seiner Website beschrieben und später in einem Buch ausgeführt (How to Write a Novel Using the Snowflake Method, 2014). Den Namen hat er von einem mathematischen Fraktal, der Koch-Schneeflocke: Man beginnt mit einem einfachen Dreieck und fügt in jedem Durchgang an jeder Seite kleinere Dreiecke an, bis eine fein verästelte Form entsteht.

Übertragen auf den Roman heißt das: Erst steht die große Form, dann kommen Details dazu, aber immer im Zusammenhang mit dem Ganzen. Der Grundgedanke ist, dass ein Fehler im Großen billiger zu beheben ist, solange er nur in einem Absatz steht, als nach dreihundert Seiten Manuskript.

Die zehn Schritte

Ingermanson gibt für die ersten Schritte jeweils grobe Zeitangaben, etwa eine Stunde für den ersten Satz. Sie sollen verhindern, dass man sich an einer Stufe festbeißt.

  1. Ein Satz. Fasse den Roman in einem Satz zusammen. Ingermanson empfiehlt, unter fünfzehn Wörtern zu bleiben und keine Figurennamen zu verwenden, sondern zu sagen, wer die Figur ist und was für sie auf dem Spiel steht.
  2. Ein Absatz. Erweitere den Satz zu einem Absatz aus etwa fünf Sätzen: die Ausgangslage, drei große Katastrophen und das Ende. Ingermanson denkt die Geschichte als „drei Katastrophen und ein Ende“, jeweils etwa ein Viertel des Buches.
  3. Die Figuren im Kurzporträt. Schreibe für jede Hauptfigur eine Seite: Name, ihre Handlung in einem Satz, ihre Motivation (was sie abstrakt will), ihr Ziel (was sie konkret will), ihren Konflikt, ihre Erkenntnis am Ende und ihre Handlung in einem Absatz.
  4. Eine Seite Handlung. Erweitere jeden Satz des Absatzes aus Schritt 2 zu einem eigenen Absatz. So entsteht eine einseitige Zusammenfassung.
  5. Die Geschichte aus Sicht der Figuren. Erzähle für jede Hauptfigur auf etwa einer Seite die Handlung aus ihrer Sicht, für wichtige Nebenfiguren auf einer halben.
  6. Vier Seiten Handlung. Erweitere die einseitige Zusammenfassung auf etwa vier Seiten.
  7. Ausführliche Figurenbeschreibungen. Lege für jede Hauptfigur alles fest, was du über sie wissen musst: Herkunft, Aussehen, Gewohnheiten, Wünsche, Veränderung.
  8. Die Szenenliste. Mache aus der vierseitigen Zusammenfassung eine Liste aller Szenen, etwa als Tabelle mit Perspektivfigur, Inhalt und geplanter Länge.
  9. Szenen beschreiben. Schreibe zu jeder Szene einige Absätze, was darin geschieht. Diesen Schritt beschreibt Ingermanson selbst als einen, den nicht jede Autorin und jeder Autor braucht.
  10. Der erste Entwurf. Jetzt schreibst du den Roman, Szene für Szene entlang der Liste.
Schaubild: die zehn Schritte der Schneeflockenmethode, bei denen Handlung und Figuren abwechselnd wachsen
Vom einen Satz zum ersten Entwurf

Zwei Dinge fallen auf. Erstens wechseln sich Handlung (Schritte 1, 2, 4, 6, 8) und Figuren (3, 5, 7) ab. Was du bei den Figuren entdeckst, darf die Handlung verändern und umgekehrt. Zweitens ist ein Teil der Ergebnisse auch später nützlich: Die einseitige Zusammenfassung aus Schritt 4 ist eine gute Grundlage für ein Exposé.

Ein Beispiel: die ersten drei Schritte

Ein erfundener Spannungsroman um eine Fährfrau zeigt, wie die ersten Stufen aufeinander aufbauen.

Schritt 1, ein Satz (vierzehn Wörter):

Eine Fährfrau verstrickt sich im Schmuggel, um ihre Insel über den Winter zu versorgen.

Der Satz nennt Figur, Vorhaben und Konflikt. Noch bleibt offen, wie sie in den Schmuggel gerät und welchen Preis sie dafür zahlt. Das klärt die nächste Stufe.

Schritt 2, ein Absatz mit drei Katastrophen und einem Ende:

Als die tägliche Fährverbindung ihrer Insel für den Winter eingestellt wird, organisiert Rika mit ihrem eigenen kleinen Boot zusätzliche Versorgungsfahrten. Nach einem Motorschaden nimmt sie die Vorfinanzierung ihres Jugendfreundes Hauke an und transportiert dafür seine vermeintlich harmlose Fracht. Als sie die Drogen entdeckt und weitere Fahrten verweigert, reagiert er aggressiv und bedroht sie. Rika hat Angst, er könne ihr etwas antun oder ihren Betrieb zerstören, und sucht einen Ausweg, bei dem sie ihm nicht offen entgegentreten muss. Sie täuscht einen erneuten Motorschaden vor, damit Hauke die Ware selbst transportiert, und gibt einen anonymen Tipp, aufgrund dessen er mit der Fracht kontrolliert und festgenommen wird.

Die drei Katastrophen verschlechtern Rikas Lage: Der Motorschaden gefährdet ihren Betrieb; die Entdeckung zerstört ihr Vertrauen in Hauke; seine aggressive Reaktion macht den Ausstieg zur persönlichen Bedrohung. Im knappen Absatz liegen Entdeckung und Drohung nah beieinander. Die längere Fassung muss beiden Entwicklungen Raum geben. Der Schluss entsteht aus Rikas eigener Täuschung und dem anonymen Tipp, nicht aus einer abgesprochenen Zusammenarbeit mit der Polizei. Was die Festnahme für ihre Angst, ihre Schulden und den Betrieb bedeutet, bleibt eine Aufgabe der weiteren Ausarbeitung.

Schritt 3, Kurzporträts (Auszug):

Rika Hauke
Handlung in einem Satz Eine Fährfrau wird unwissentlich für Drogentransporte benutzt und stellt dem bedrohlichen Erpresser eine Falle. Ein Bootsschlosser nutzt das Vertrauen einer Jugendfreundin für seine Schmuggeltransporte und bedroht sie nach der Entdeckung.
Motivation Für ihre Insel gebraucht werden und unabhängig bleiben Finanzielle Sicherheit und Einfluss
Ziel Haukes Erpressung entkommen, ohne ihn vor der Falle zu warnen Rika zum weiteren Transport zwingen
Konflikt Sie hat Angst vor Hauke und muss dennoch mit ihm sprechen, um den Motorschaden vorzutäuschen Rika verweigert weitere Fahrten und kennt seinen Transportweg
Erkenntnis oder Haltung am Ende Sie kann trotz ihrer Angst gegen ihn handeln Er verliert die Kontrolle über den Transport, den er ihr aufgezwungen hat

Die Figurenporträts stellen Fragen an Schritt 4 zurück: Warum vertraut Rika Haukes Frachtaufträgen zunächst? Wie zeigt sich der Wechsel vom Freund zum aggressiven Erpresser? Warum glaubt er ihr den erneuten Motorschaden? Die Antworten müssen als Szenen funktionieren. Die längere Fassung muss auch den Ablauf zwischen Tipp und Kontrolle plausibel vorbereiten.

Typische Fehler

  • Jede Stufe perfektionieren. Der erste Satz muss nicht brillant sein, er muss nur die Richtung angeben. Wer an Schritt 1 eine Woche feilt, verliert den Vorteil der Methode.
  • Rückwirkungen ignorieren. Wenn sich in Schritt 5 herausstellt, dass eine Nebenfigur andere Ziele hat, gehören Absatz und Zusammenfassung angepasst. Die Methode lebt vom Hin und Her.
  • Die Katastrophen zu klein wählen. „Drei Katastrophen“ meint Ereignisse, die die Lage grundlegend verschlechtern, nicht kleinere Hindernisse.
  • Alles durchziehen, obwohl es bremst. Manche merken nach Schritt 4, dass sie genug wissen, um zu schreiben. Dann ist das kein Abbruch, sondern das Ergebnis.
  • Die Szenenliste für endgültig halten. Schritt 8 ist ein Plan. Beim Schreiben werden Szenen wegfallen und neue entstehen.

Praxistipps

  • Halte dich anfangs an die Zeitangaben. Eine Stunde für einen Satz klingt viel, verhindert aber, dass du dich verlierst.
  • Bewahre alle Stufen auf, statt sie zu überschreiben. Der Satz aus Schritt 1 und der Absatz aus Schritt 2 sind später nützlich, für Klappentext, Exposé oder Gespräche über das Buch.
  • Kombiniere die Methode mit einem Strukturmodell. Die drei Katastrophen lassen sich gut an die Wendepunkte der Drei-Akt-Struktur legen.
  • Wenn du gern entdeckend schreibst, nutze nur die Schritte 1 bis 3 und schreib dann los. Eine Übersicht weiterer Methoden findest du im Leitfaden Einen Roman planen.

Mit Faustica umsetzen

Faustica hat keine eigene Vorlage für die Schneeflockenmethode, aber jede Stufe hat einen passenden Ort. Satz, Absatz und Zusammenfassungen kannst du als Notizen auf einem eigenen Board ablegen, etwa „Schneeflocke“, und mit dem Projekt verknüpfen. Die Figurenstufen (Schritte 3, 5 und 7) legst du im Kompendium an, mit eigenen Abschnitten wie Ziel, Motivation oder Erkenntnis.

Ein Figureneintrag im Kompendium von Faustica
Ein Figureneintrag im Kompendium mit eigenen Abschnitten

Die Szenenliste aus Schritt 8 entsteht im Plot-Planer als Szenenkarten mit Zusammenfassung, Perspektive, Figuren, Ort sowie Ziel, Konflikt und Ausgang. Die drei Katastrophen kannst du dort den Wendepunkten der Drei-Akt-Struktur zuordnen.

Häufige Fragen

Wie lange dauert die Schneeflockenmethode?

Das hängt vom Roman und davon ab, wie weit du gehst. Die ersten Schritte sind mit den vorgeschlagenen Zeitangaben in wenigen Stunden zu schaffen. Die späteren Stufen, vor allem Szenenliste und ausführliche Figurenbeschreibungen, brauchen deutlich länger.

Muss ich alle zehn Schritte machen?

Nein. Viele nutzen nur die ersten Schritte und schreiben dann los, andere überspringen einzelne Stufen. Ingermanson beschreibt die Methode als Werkzeug, das du anpassen kannst, nicht als Pflichtprogramm.

Eignet sich die Schneeflockenmethode für Schreibende, die lieber entdecken?

Nur eingeschränkt. Die vollständige Methode legt viel fest, bevor du schreibst. Entdeckend Schreibende können aber die ersten drei Schritte nutzen, um Richtung und Figuren zu klären, oder die Methode nach dem ersten Entwurf anwenden, um zu prüfen, ob die Geschichte trägt.

Was ist der Unterschied zur Drei-Akt-Struktur?

Die Drei-Akt-Struktur beschreibt, wie eine fertige Geschichte aufgebaut ist. Die Schneeflockenmethode beschreibt einen Arbeitsweg, wie du zu dieser Geschichte kommst. Beides lässt sich verbinden: Die Methode liefert die Arbeitsschritte, das Strukturmodell den Maßstab für die Wendepunkte.