Einen Roman selbst lektorieren

Selbstlektorat heißt, den eigenen Text mit dem Werkzeug einer Lektorin zu prüfen. Hier findest du Methoden, ein Vorher-nachher-Beispiel, ein Stilblatt und die Grenzen dessen, was man allein schafft.

Christian Böhm10 Min. Lesezeit

Einen Roman selbst zu lektorieren heißt, den eigenen Text nicht mehr als Autorin oder Autor zu lesen, sondern so, wie es eine Lektorin tun würde: mit festen Fragen, schriftlichen Notizen und dem Ziel, Probleme zu finden, statt sich am Gelungenen zu freuen. Das gelingt nicht durch bloßes Wiederlesen. Es braucht Werkzeuge, die dir den fehlenden Abstand ersetzen: ein Kapitelprotokoll, ein Stilblatt, gezielte Lesetechniken und eine klare Trennung zwischen Finden und Ändern.

Die Reihenfolge der Überarbeitung, vom Großen zum Kleinen in fünf Durchgängen, beschreibt die Anleitung Ein Manuskript überarbeiten. Diese Seite setzt dort an und zeigt, mit welchen Methoden du in diesen Durchgängen tatsächlich arbeitest, an einem Vorher-nachher-Beispiel, und wo die Grenzen des Selbstlektorats liegen.

Was Selbstlektorat leisten kann

Ein professionelles Lektorat bringt zwei Dinge mit, die dir beim eigenen Text fehlen: Erfahrung mit vielen Manuskripten und einen unbefangenen Blick. Die Erfahrung kannst du dir teilweise aneignen, indem du lernst, welche Fragen eine Lektorin stellt. Den unbefangenen Blick kannst du nur annähern. Du weißt, was eine Figur denkt, auch wenn es nicht auf der Seite steht, und du liest über Lücken hinweg, weil dein Kopf sie füllt.

Selbstlektorat ist deshalb kein Ersatz für fremde Augen, aber eine wichtige Vorarbeit. Je mehr du selbst findest, desto mehr kann sich ein späteres Lektorat oder eine Testleserunde auf das konzentrieren, was nur andere sehen. Was ein professionelles Lektorat vom Korrektorat unterscheidet, steht auf der Seite Lektorat und Korrektorat.

Methoden für das Selbstlektorat

1. Die Rolle wechseln

Lies nicht als die Person, die den Text geschrieben hat. Stell dir vor, das Manuskript sei dir zur Begutachtung geschickt worden und du müsstest am Ende eine Rückmeldung schreiben. Das klingt nach einem Trick, verändert aber, worauf du achtest: Du fragst nicht mehr „Habe ich das gut gesagt?“, sondern „Versteht man das, und will man weiterlesen?“

Hilfreich ist, Finden und Ändern zu trennen. In der Lektoratsrolle markierst du Stellen und schreibst eine kurze Anmerkung dazu, aber du schreibst nichts um. Erst in einem zweiten Schritt arbeitest du die Anmerkungen als Autorin oder Autor ab. So verlierst du dich nicht in einem einzelnen Absatz, während du eigentlich das ganze Kapitel prüfen wolltest.

2. Ein Kapitelprotokoll anlegen

Ein Kapitelprotokoll (im Englischen oft reverse outline genannt) ist eine Übersicht, die du nachträglich aus dem fertigen Text erstellst. Für jedes Kapitel notierst du in wenigen Stichworten:

  • was geschieht, in einem Satz,
  • aus wessen Sicht erzählt wird,
  • welche Figuren vorkommen und wo die Szene spielt,
  • was am Ende anders ist als am Anfang,
  • welche Fragen offen bleiben.

Erst in dieser Verdichtung siehst du, ob zwei Kapitel dieselbe Aufgabe erfüllen, ob ein Handlungsstrang über viele Kapitel verschwindet oder ob eine Figur Dinge weiß, die sie noch gar nicht erfahren haben kann. Das Kapitelprotokoll ist das Werkzeug für die strukturellen Durchgänge.

3. Ein Stilblatt führen

Ein Stilblatt ist eine Liste aller Entscheidungen, die im ganzen Buch einheitlich sein sollen. Verlage und Lektorate arbeiten häufig mit so einer Liste; für dich ist sie mindestens so nützlich. Darauf gehören:

Für die folgende Tabelle verwenden wir einen erfundenen Spannungsroman: Die Fährfrau Rika entdeckt, dass ihr Jugendfreund Hauke sie für Drogenlieferungen benutzt, und wird nach ihrer Weigerung bedroht. Sie plant einen vorgetäuschten Motorschaden und einen anonymen Tipp. Ein Stilblatt könnte diese Festlegungen festhalten:

Bereich Mögliche Festlegungen für Rikas Geschichte
Namen Rika, Hauke; Nebenfiguren vorerst über ihre Rolle bezeichnen.
Orte Insel, Anleger, Festland; konkrete Ortsnamen noch offen.
Anreden Rika und Hauke duzen sich aufgrund ihrer gemeinsamen Vergangenheit.
Zeitfolge Echter Motorschaden, Reparatur, Frachtfahrten, Entdeckung, aggressive Drohung, Täuschung und anonymer Tipp.
Perspektive In einer personalen Szene nur Rikas Wahrnehmung und Gedanken.
Formalien Eine einheitliche Form der Anführungszeichen.

Ein solches Stilblatt hält Festlegungen fest, statt Lücken mit beliebiger Vorgeschichte zu füllen. Der Ablauf der Falle gehört ebenfalls hinein: Rika täuscht den Defekt vor und gibt den Tipp anonym ab.

PDF- und Word-Downloads: drei Stilblätter

Für das Selbstlektorat bieten sich drei ergänzende Arbeitsblätter an. Das ist eine praktische Aufteilung, keine verbindliche Einteilung von Stilblättern. Du kannst die folgenden Vorlagen kostenlos als PDF zum Ausdrucken oder als bearbeitbare Word-Datei herunterladen. Beginne mit dem, was dein Manuskript braucht:

Das Stilblatt hält Entscheidungen fest, die Checkliste prüft deren Umsetzung. Trage offene Fragen als solche ein, statt eine noch ungeklärte Schreibweise oder Handlungstatsache zur Regel zu machen. In Faustica kannst du diese Festlegungen auch auf einem Notiz-Board sammeln und Figuren- oder Ortsdetails im Kompendium führen.

Die Auswahl orientiert sich an den Empfehlungen des Chartered Institute of Editing and Proofreading zu Stilblättern für Romane. Für deutsche Schreibkonventionen helfen etwa die Duden-Hinweise zu Anführungszeichen und Zahlen und Ziffern. Die PDFs sind eigene Arbeitsvorlagen; die dort genannten Bereiche sind Prüffragen, keine pauschalen Schreibregeln.

4. Gezielt lesen statt einfach wieder lesen

Jede Ebene braucht eine eigene Lesetechnik:

  • Am Stück lesen für Struktur und Tempo. Möglichst in einem anderen Format als beim Schreiben, etwa als PDF oder ausgedruckt.
  • Einer Figur folgen für Figurenentwicklung und Widersprüche: nur die Szenen mit dieser Figur hintereinander.
  • Laut lesen für Rhythmus und Dialoge. Wo du stolperst, stolpert auch die Leserin.
  • Kapitel einzeln und langsam lesen für die Sprache, mit Blick auf Füllwörter, Wiederholungen und schiefe Bilder.
  • Rückwärts lesen, Satz für Satz vom Kapitelende zum Anfang, für die Korrektur. Ohne den Sog der Handlung fallen Tippfehler leichter auf.

5. Einen eigenen Fehlerkatalog führen

Fast alle Schreibenden haben wiederkehrende Eigenheiten: ein Lieblingswort, eine typische Satzkonstruktion, ein Bild, das immer wieder auftaucht, Figuren, die auffällig oft nicken oder seufzen. Notiere, was dir beim Selbstlektorat mehrfach begegnet, und prüfe diese Liste bei jedem Kapitel gezielt, zum Beispiel per Suchfunktion. Mit jedem Projekt wird der Katalog genauer. Wie du Wiederholungen systematisch findest, beschreibt die Seite Wortwiederholungen erkennen und vermeiden.

Vorher und nachher: ein Absatz im Selbstlektorat

Die Fährfrau Rika hat in diesem erfundenen Spannungsroman Drogen in der Fracht ihres Jugendfreundes Hauke entdeckt. Nach seiner aggressiven Drohung plant sie, ihn mit einem vorgetäuschten Motorschaden und einem anonymen Tipp auffliegen zu lassen. Beide Lehrfassungen zeigen ihre Angst vor dem Anruf, mit dem sie ihm den angeblichen Defekt melden will.

Vorher:

Rika hatte plötzlich das sehr unangenehme Gefühl, dass sie irgendwie Angst hatte, als sie die Nummer sah. Sie traf die Entscheidung, noch etwas zu warten. Dann sah sie plötzlich wieder auf die Nummer.

Anmerkungen aus der Lektoratsrolle:

  1. „plötzlich“ wird wiederholt, ohne einen neuen Umschwung zu zeigen.
  2. „sehr unangenehmes Gefühl“ und „irgendwie Angst“ bleiben vage.
  3. Das Warten braucht eine konkrete Handlung oder einen neuen Gedanken.

Nachher:

Haukes Nummer stand auf dem Display. Rika strich mit dem Daumen über den Rand der Hülle. Wenn er den Motor selbst sehen wollte? Sie legte das Telefon hin.

Die Frage gibt ihrer Angst einen Bezug zur geplanten Täuschung. Die kleine Handlung trägt das Zögern. Im nächsten Durchgang müsste die Szene zeigen, wie sie trotzdem zum Anruf kommt; ein schönerer Absatz ersetzt nicht den vollständigen Verlauf.

Checkliste für das Selbstlektorat

Die Checkliste gibt es auch als PDF zum Ausdrucken · Word-Datei herunterladen.

Vorbereitung

  • Ausgangsfassung gesichert, bevor du änderst
  • Kapitelprotokoll aus dem fertigen Text erstellt
  • Stilblatt angelegt (Namen, Begriffe, Anreden, Formalien)

Inhalt

  • Jede Szene hat im Protokoll einen Eintrag „Was ist danach anders?“
  • Keine Figur weiß etwas, das sie noch nicht erfahren haben kann
  • Offene Fragen werden beantwortet oder bewusst offengelassen

Sprache

  • Jedes Kapitel einmal laut gelesen
  • Eigener Fehlerkatalog per Suche abgearbeitet
  • Angekündigte statt erzählte Ereignisse („etwas Seltsames passierte“) umgeschrieben

Abschluss

  • Stilblatt mit dem ganzen Text abgeglichen
  • Korrektur in einem eigenen Durchgang, rückwärts oder in anderem Format
  • Offene Anmerkungen erledigt oder bewusst verworfen

Typische Fehler beim Selbstlektorat

  • Lesen und gleichzeitig umschreiben. Wer bei jeder Unebenheit sofort ändert, verliert den Überblick über das Kapitel und arbeitet sich an Kleinigkeiten fest.
  • Nur am Bildschirm in derselben Ansicht lesen. Der vertraute Anblick verleitet dazu, zu lesen, was gemeint war.
  • Kein schriftliches Gedächtnis. Ohne Stilblatt und Kapitelprotokoll verlässt du dich auf deine Erinnerung, und die ist bei einem Roman mit Hunderten Seiten unzuverlässig.
  • Lieblingsstellen schonen. Gerade die Passagen, die dir beim Schreiben am meisten Freude gemacht haben, verdienen einen kritischen Blick, weil du sie am wenigsten neutral liest.
  • Selbstlektorat mit Korrektorat verwechseln. Eine fehlerfreie Rechtschreibung macht noch kein überarbeitetes Buch. Die inhaltlichen Fragen kommen zuerst.

Praxistipps

  • Lege für die Lektoratsrolle eine feste Form fest, etwa: jede Anmerkung beginnt mit einer Beobachtung („Hier ist unklar, wer spricht“), nicht mit einer Lösung.
  • Plane kurze Einheiten. Konzentriertes Prüfen ermüdet schneller als Schreiben; nach einem oder zwei Kapiteln lässt die Aufmerksamkeit spürbar nach.
  • Lies das Stilblatt vor jeder Arbeitssitzung kurz durch. So bleiben dir die Festlegungen präsent.
  • Wenn du fertig bist, gib den Text an Testleserinnen und Testleser weiter. Sie zeigen dir, was du trotz aller Methoden nicht siehst.

Mit Faustica umsetzen

Für die Trennung von Finden und Ändern eignen sich die Kommentare: Du markierst eine Textstelle und hältst deine Anmerkung daneben fest, ohne den Text anzufassen. Die Übersicht zeigt alle Kommentare des Kapitels, ein Klick führt zur Stelle zurück, und erledigte Anmerkungen markierst du als erledigt.

Markierungen im Faustica-Editor und eine Übersicht offener und erledigter Kommentare
Anmerkungen an Textstellen und die Kommentarübersicht

Im Editor zeigt die Wiederholungsanalyse häufige Wörter an, und Offline-Synonyme helfen beim Ersetzen. In der geteilten Ansicht liegen zwei Kapitel nebeneinander, etwa die alte und die neue Fassung. Bevor du größere Änderungen beginnst, legst du unter Versionen & Sicherung eine komplette Sicherung an; zusätzlich bewahrt Faustica automatisch frühere Fassungen auf. Zum Lesen in einem anderen Format exportierst du das ganze Manuskript über den Export als PDF oder EPUB.

Häufige Fragen

Kann ich ein professionelles Lektorat durch Selbstlektorat ersetzen?

Nicht vollständig. Gründliches Selbstlektorat kann viele Probleme beheben, aber dir fehlt der unbefangene Blick auf den eigenen Text. Wer allein arbeitet, sollte zumindest Testleserinnen und Testleser einbeziehen und vor einer Veröffentlichung eine fremde Korrektur erwägen.

Wie lange dauert es, einen Roman selbst zu lektorieren?

Das hängt von Länge und Zustand des Manuskripts ab, eine feste Dauer gibt es nicht. Planst du mehrere getrennte Durchgänge mit Kapitelprotokoll und Stilblatt, dauert es meist deutlich länger als ein einfaches Wiederlesen. Rechne eher in Wochen als in Tagen.

Was ist der Unterschied zwischen Selbstlektorat und Überarbeiten?

Die Begriffe überschneiden sich. Überarbeiten beschreibt den ganzen Prozess vom ersten Entwurf zur fertigen Fassung, inklusive Neuschreiben. Selbstlektorat meint vor allem die prüfende Rolle darin: den Text mit festen Fragen lesen, Probleme notieren und begründen.

Soll ich das Stilblatt schon beim Schreiben anlegen?

Das kann viel Arbeit sparen. Wer Namen, Fantasiewörter und Schreibweisen von Anfang an notiert, hat beim Lektorat weniger zu vereinheitlichen. Spätestens vor dem ersten Lektoratsdurchgang sollte es aber vorliegen.